Landesmeisterschaft Berg

Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchen langsam wieder die ersten richtigen Rennen im Kalender auf. Schon das allein ist mir Motivation genug, sodass ich nicht wählerisch bin, was die Disziplin angeht. Nachdem ich mich vor zwei Wochen im Zeitfahren versucht hatte, stand letztes Wochenende die Landesmeisterschaft Berg an. Ein Radrennen auf der Straße, ausgetragen auf einem bergigen Rundkurs. Müsste mir mehr liegen als Zeitfahren, da war ich mir sicher.

Landesmeisterschaft Berg - Elite Frauen

Das Wetter liegt mir diesmal auch mehr. Denn anstatt regennasser Straßen haben wir Sonnenschein und über 30 Grad. 

Ich mag Rennen bei diesen hohen Temperaturen. Nicht nur, wie ich es hasse, zu frieren und mir sonst ständig kalt ist, sondern auch, weil sie so eine Entspanntheit mit sich bringen. Keiner bewegt sich mehr als unbedingt notwendig, man liegt / sitzt / steht so lange wie irgend möglich im Schatten und versucht bloß keine Aufregung aufkommen zu lassen. Zumindest bis das Rennen startet.

Am Start will keiner so recht zur Startlinie aufrücken, denn die ist direkt in der Sonne. Drei Meter dahinter ist aber Schatten. Doch als die letzte Minute angekündigt wird, ist dann doch alle Gelassenheit dahin.

Es wird sofort schnell gefahren, denn es geht einige Meter hinter dem Start direkt in eine Abfahrt, wo jeder vorn sein möchte. Ich komme natürlich nicht in meine Pedal. Als letzte biege ich in die Abfahrt und versuche irgendwie weiter nach vorn zu kommen, was völlig aussichtslos ist. Schließlich wollen das gerade alle.

Im folgenden Anstieg investiere ich dann bereitwillig etwas mehr, um in eine sicherere Position zu kommen. Das ging gerade nochmal gut.

Dort mache ich es mir gemütlich (nicht wirklich) und beobachte den Rest. Ich bin froh, überhaupt in einer Position fahren zu können, wo ich den Überblick über das Renngeschehen habe und reagieren kann, falls jemand attackiert. In so fern ist es zumindest mental gemütlich. Körperlich aber mega anstrengend. Die ersten Frauen fallen aus der Gruppe.

Auch ich kann dort nicht so lange bleiben wie gehofft, denn einige Männer (wir sind zusammen mit den Herren der Senioren 2 gestartet) erhöhen das Tempo am Anstieg. Ich versuche alles, mich irgendwie im Feld zu halten, aber es reicht einfach nicht.

Die Lücke wird langsam aber sicher größer. Können die bitte nicht ein ganz kleines bisschen langsamer fahren? Nur ein ganz kleines bisschen, dass würde schon reichen. Da ich fest daran glaube, dass genau das gleich passiert, fahre ich weiter so schnell es geht. Am Berg spielt der Windschatten eine nicht ganz so große Rolle, sodass ich die Lücke vielleicht wieder schließen kann, sobald etwas verzögert wird. Das rede ich mir zumindest ein.

Ich behalte so halb recht. Die Spitze fährt zwar unbeirrt ihr Tempo weiter (sofern ich das beurteil kann), aber ich bin nicht die Einzige, die dem nicht folgen kann. Und plötzlich sehe ich, wie die restlichen Frauen, die sich bis dahin vorn gut behaupten konnten, auch Mühe haben, den Anschluss zu halten. Das motiviert mich so sehr, dass ich mit einem kurzen Antritt die Lücke zu deren Hinterrädern schließe. Wir sehen uns an. Wir sind zu dritt, alle am Limit, wir führen. Das Tempo fällt sofort.

Kein Plan aber Spaß

Runde um Runde vergeht. Ich bin etwas planlos. Im Vorhinein hatte ich mir zwar über meine Taktik Gedanken gemacht, aber das ich zu den drei Führenden gehöre würde, war mir irgendwie nicht in den Sinn gekommen. Erst recht nicht, in dieser Situation überhaupt noch eine Taktik verfolgen zu können und nicht ums Überleben zu kämpfen. Aber ich fühle mich da echt gut!

Bereitwillig übernehme ich einen Großteil der Führungsarbeit, auch weil ich mich vorn in der Abfahrt einfach am sichersten fühle. Überhaupt hier vorn mitzufahren ist ein tolles Gefühl und gibt mir Selbstvertrauen. Mit jeder Runde fühle ich mich besser.

Langsam werde ich aber nervös. Jeder von uns will dieses Rennen gewinnen und ich frage mich, wann etwas passiert. Ich glaube daran, dass ich physisch in der Lage bin, zu gewinnen, aber ich weiß nicht, wie ich das umsetze. Als ich noch darüber nachdenke, wann ich am besten attackiere, fahren wir wieder in den Anstieg und ich habe plötzlich eine kleine Lücke, weil ich die Kurve innen gefahren bin. Ich denke nicht lange nach, sondern fahre los.

Ich hänge meine Kontrahenten nicht ab. Aber ich hoffe, dass sie gerade mehr leiden als ich. Ich höre ihren Atem direkt hinter mir. Als ich etwas rausnehme und mich umdrehe, sehe ich, das sie kein bisschen frischer wirken als ich. Sehr gut. Je härter die letzten Runden jetzt werden, umso besser für mich, vermute ich. Das ich nicht wirklich sprinten kann, ist kein Geheimnis, aber bergauf komme ich heute anscheinend ganz gut. 

Das Finale

Während ich versuche, mich zu erholen, werden wir von der Spitze der Senioren eingeholt. Stefanie nutzt den Moment clever, um zu attackieren und gleich mit ihnen mitzugehen. Ich reagiere sofort, aber es ist zu schnell. Unsere Gruppe zerspringt. Ich versuche mein Bestes, aber auch ich kann nicht mehr. Das ist der rennentscheidende Moment, denke ich, jetzt fährt sie den Sieg heraus. 

Ich war noch nie einem Sieg so nahe gewesen, ich darf ihn jetzt nicht einfach fahren lassen. Nicht am Berg eine Lücke aufgehen lassen und dann war es das. Nein, ich will mir diese Chance noch nicht nehmen lassen. Ich mobilisiere meine letzten Reserven und fahre die Lücke zu.

Jetzt sind wir nur noch zu zweit (plus die führenden Männer). Ich versuche, mich bergab zu erholen und bergauf bloß keine Lücken mehr entstehen zu lassen. 

Und dann sind wir auch schon in der letzten Runde. Wie schon zuvor fahre ich von vorn, ich will die Kontrolle behalten und das Tempo bestimmen. Im finalen Anstieg fahre ich zügig los und erhöhe nach und nach das Tempo. Der Atem der Konkurrenz in meinem Nacken treibt mich weiter an. Oben würde es flacher werden und garantiert zum Sprint kommen, den ich aber so schwer und „unsprintig“ wie möglich gestalten will. Als wir zu dem flacheren Stück kommen, tritt Stefanie an, wir sind Seite an Seite und ich trete so viel ich kann. Millimeter um Millimeter schiebt sich Stefanie nach vorn, aber ich werde heute nicht mehr aufgeben. Ich halte dagegen so gut ich kann und plötzlich ist es vorbei. Ich bin vorn, niemand mehr neben mir, da die Ziellinie. Ich habe tatsächlich mein erstes Elite-Rennen gewonnen. 

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Josephine Noack
Josephine Noack
Headcoach von noack sport support und Sportwissenschaftlerin. Cross-Triathletin mit Vorliebe fürs Radrennen fahren, egal ob MTB-Marathon, Crits auf der Straße oder Cyclocross im Winter.

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